
Gewachsene Verantwortung
Versorgungskrisen, Kriege, der industrielle Fortschritt und der Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft lösten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tiefgreifende Veränderungen in der agrarischen Produktion aus. Zudem stellten immense Schäden und Ertragsverluste durch Schädlinge und Pflanzenkrankheiten die Versorgungssicherung der Bevölkerung in Frage.
Da Pflanzenschutzfragen zunehmende Herausforderungen für die österreichische Landwirtschaft darstellten, war ein fachlicher Austausch zu Pflanzenschutzthemen Gebot der Stunde. So fand bereits vom 2. bis 4. September 1948 die 1. Österreichische Pflanzenschutztagung, veranstaltet vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, an der Bundesanstalt für Pflanzenschutz in Wien statt. Bereits 1948 erschien auch die erste Ausgabe der Fachzeitschrift „Der Pflanzenarzt“, und erweiterte damit die Möglichkeit zum Fachaustausch.
Es war konsequent, einen verbindlichen Rahmen für einen fachlichen Austausch zu schaffen. Auf Vorschlag von HR Priv. Doz. DI Dr. Ferdinand Beran (Direktor der Bundesanstalt für Pflanzenschutz), Min.-Rat DI Dr. Franz HENGL (Präsident der Landwirtschaftskammer Wien), OLR DI Franz STEPHAN (Leiter der Obst- und Gartenbauabteilung, Landwirtschaftskammer OÖ) wurde daher im Februar 1959 die Arbeitsgemeinschaft für Pflanzenschutz gegründet, um eine Plattform für Fachtagungen zu schaffen, die Verbreitung des Pflanzenschutzgedankens zu fördern und zentrale Pflanzenschutzfragen in Arbeitsausschüssen zu erörtern. Von Beginn an war es Ziel, Pflanzenschutzschutzthemen nicht nur im Kreis von Expertinnen und Experten zu diskutieren, sondern alle Personengruppen einzubeziehen, die sich von diesem Thema betroffen fühlen. Der Leitspruch des Gründervaters Ferdinand Beran „Gesunde Pflanzen, gesunde Nahrung, gesunde Menschen“ – ein Vorgriff auf das heutige „One Health-Prinzip“ – hat bis heute Bestand.

Der öffentliche Startpunkt der Arbeitsgemeinschaft für Pflanzenschutz (AfP) wurde mit dem 1. Österreichischen Bundes-Pflanzenschutztag am 13. März 1959 gesetzt. Bereits im Gründungsjahr vereinte diese Arbeitsgemeinschaft rund 200 Vertreterinnen und Vertreter aus dem Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, dem Bundesamt für Pflanzenschutz, der Hochschule für Bodenkultur, des Handels und der Industrie sowie praktizierende Landwirte. Die Arbeitsgemeinschaft war damit von Beginn an ein Netzwerk für den fachlichen Austausch und die Weiterentwicklung im österreichischen Pflanzenschutz.
Die Einführung synthetischer Wirkstoffe, wie DDT, Phosphorsäureester und Wuchsstoffherbizide, brachte eine Sicherstellung der Lebensmittelproduktion mit sich und führte unweigerlich zu einem enormen Anstieg im Pflanzenschutzmittelverbrauch (Abbildung 2). Bereits Mitte des 20. Jahrhunderts wurde diese Entwicklung kritisch hinterfragt. In Österreich entwickelte man hierzu früh ein ausgeprägtes Problembewusstsein und reagierte schon in den 1950er-Jahren als Vorreiter mit Bienenschutzbestimmungen, Aufklärung zum sachgemäßen Umgang mit Pflanzenschutzmitteln und der Entwicklung integrierter Pflanzenschutzstrategien. Unter integriertem Pflanzenschutz versteht man eine Sicherung der Pflanzengesundheit vorrangig unter Einsatz von geeigneten Anbau- und Kulturmaßnahmen sowie biologischen, biotechnischen und züchterischen Verfahren. Der Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel soll auf das Mindestmaß beschränkt sein.

Während in den früheren Notzeiten v.a. der chemische Pflanzenschutz als Problemlösung galt, richtete sich der Fokus der Arbeitsgemeinschaft zunehmend auf das neu entwickelte Konzept des Integrierten Pflanzenschutzes (Abbildung 3). Die Etablierung integrierter Pflanzenschutzkonzepte in Forschung, Lehre, sowie Beratung und Praxis eröffnete neue Perspektiven. Um ein klares Bekenntnis für dieses Konzept abzulegen, beschlossen die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft für Pflanzenschutz 1989 eine Umbenennung in „Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Integrierten Pflanzenschutz“ (ÖAIP).

Konsequent war es auch, den Entwicklungen der Landwirtschaft im 21. Jahrhundert Rechnung zu tragen. Ein besseres Verständnis biologischer Zusammenhänge, neue Entwicklungen, moderne Technik, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz u.a. ermöglichen heute vielfältige Pflanzenschutzkonzepte für den ökologischen und integrierten Pflanzenschutz. Mit der Umbenennung in „Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Phytomedizin“ (ÖAP) im Jahr 2025 wurde daher der Raum geschaffen, diese Konzepte gemeinsam zum Wohle unserer Gesellschaft weiterzuentwickeln. Phytomedizin beschäftigt sich mit Krankheiten und Schädigungen von Pflanzen, den zugrunde liegenden Ursachen, ihren Erscheinungsformen, dem Verlauf und der Verbreitung sowie mit Maßnahmen und Mitteln, die der Erhaltung der Pflanzengesundheit und der Bekämpfung von Schadorganismen dienen (Abbildung 4). Der Begriff ist damit weiter gefasst als Pflanzenschutz.

Die ÖAP versteht sich heute als wichtige Plattform für alle, die sich dem Schutz und der Gesunderhaltung der Kulturpflanzen verschrieben haben. Ihr Ziel ist es, Wissen zu bündeln, Innovationen aufzuzeigen, den fachlichen Austausch zu fördern und die nachhaltige Weiterentwicklung des Pflanzenschutzes in Österreich aktiv mitzugestalten. Dabei setzt sie auf Kommunikation, kontinuierliche Innovation und enge Zusammenarbeit aller Akteurinnen und Akteure, um den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen in der Sicherstellung der Pflanzengesundheit gerecht zu werden.

